Stroemen

 

Ich erzähle es immer wieder gern: Als ich im Sommer 2015 von einer Heilpraktiker-Kollegin hörte, dass sie mit ihrem Angebot ins Internet gehen wolle, war meine erste Reaktion: „Das würde fürs Strömen NIEMALS gehen.“ Ich war voller Glaubenssätze darüber, warum das nicht ginge und was dagegen spräche. Wie sich herausstellen sollte, waren das allermeiste Vorurteile, die sich als falsch erweisen sollten.

Meine Erfahrungen mit der Ström-Online-Welt sind seither im Gegenteil so überwältigend, überraschend und berührend (!), wie ich es niemals erwartet hätte.

 

Ein unerwartetes Geständnis

Leute, die wissen, dass ich beruflich im Internet unterwegs bin, sind oft sehr überrascht zu hören, dass ich weder Facebook noch Whatsapp nutze und bisher nicht mal ein Smartphone besitze.

Ich möchte mich durchaus als technik-kritisch bezeichnen und der lauernden Gefahren im Internet bewusst.

Dennoch lässt sich Folgendes nicht von der Hand weisen: Die Technik an sich ist weder gut noch böse. Es geht immer darum, WER sie WIE nutzt. Und mir wurde irgendwann klar, welche tollen Möglichkeiten insbesondere das Internet zur Verfügung stellt, die ganz und gar zum Nutzen des Jin Shin Jyutsu verwendet werden können.

 

Aber was ist mit dem persönlichen Kontakt?

Immer, wenn ich bisher ein neues Online-Angebot zum Strömen ankündige, erhalte ich Mails, in denen Menschen mir erklären, warum das für sie nicht in Frage kommt. Eins der Hauptargumente lautet:

„Ich schätze den direkten Kontakt zu Menschen beim Lernen, Lehren, Praktizieren und Studieren dieser Kunst.“

Dieser Aussage kann ich nur zustimmen! Selbstverständlich ist der direkte Kontakt das natürlichste und naheliegendste Mittel der Wahl, allemal wenn es ums Strömen geht.

Aber ist es der einzige Weg? Was wäre, wenn Online-Aktivitäten mindestens eine Alternative in der Not wären – oder womöglich noch eine neue Qualität hinzufügen könnten? Müssen wir uns wirklich zwischen offline und online entscheiden oder geht beides?

 

Strömen in der Diaspora

Nicht alle haben das Glück, Strömmöglichkeiten vor Ort zu haben. Jede von uns kann in eine oder mehrere dieser Situationen kommen:

Hier bieten Online-Formate einen Ausweg. Sie können und sollen den direkten Kontakt nicht ersetzen, sind aber manchmal die einzige Alternative.

Nur am Rande bemerkt habe ich auch eine Vielzahl von Teilnehmerinnen, die mobil, zeitlich unbeschränkt und vor Ort mit Kursen und Gruppen bestens versorgt sind. Auch von ihnen berichten mir viele, dass sie durch die Möglichkeit, im eigenen Tempo zu lernen und beliebig oft und jederzeit einzelne Themen zu wiederholen, sehr von den Online-Angeboten profitieren.

Oder dass die Möglichkeit, sich mit Jin Shin Jyutsu-Interessierten über große Entfernungen hin zu verbinden, eine besondere, zusätzliche Erlebnisqualität hat. Manche lieben auch einfach die Bequemlichkeit, ganz gemütlich in Jogginghosen auf dem heimischen Sofa zu lernen und zu strömen… ;)

 

Online Lernen ist besser als sein Ruf

Ich könnte jetzt stundenlang davon schwärmen, welche pädagogischen und organisatorischen Vorteile das Lernen online haben KANN. Alles, was hier zu sehen ist, die Webseite, der Blog, die Online-Kurse usw. habe ich mir ausschließlich über das Internet erarbeitet. Ich habe deutsche und englische Online-Kurse belegt und tue das auch immer noch. Mehr oder weniger täglich lese ich in unterschiedlichsten Blogs, besuche Webinare und fühle mich durch das alles reichlich beschenkt. Ohne diese Angebote wäre meine jetzige Arbeit schlicht nicht möglich geworden und sie entwickelt sich dadurch stetig weiter.

Nachdem ich diese Vorteile am eigenen Leib erlebt hatte und über die Wirksamkeit zugegebenermaßen selber völlig erstaunt war, schossen die Ideen nur so durch meinen Kopf, was alles fürs Strömen möglich wäre.

Es wäre ein eigener Artikel nötig, um die vielen Rückmeldungen, positiven Lernerfahrungen, kreativen Anwendungen der Kurse und die Kraft, die die Online-Strömangebote bisher entfalten, zu beschreiben.

Ohne Übertreibung kann ich sagen: Es ist jenseits meiner kühnsten Erwartungen, was seitdem passiert.

Doch immer wenn ich derart ins Schwärmen gerate, stoße ich bei manchen auf diese Sorge:

 

Wenn jetzt alle online sind, wird den Praxen und Strömgruppen vor Ort das Wasser abgegraben.

Nein, nein und nochmals nein! Ich beobachte das Gegenteil.

Natürlich gibt es durch Online-Aktivitäten allgemein Tendenzen, sich immer mehr aus dem realen Leben zurückzuziehen. Menschen, die sich strömen, gehören aber ja per se eher zu der Spezies, die sich sehr bewusst damit auseinandersetzt, was gut tut und was nicht. Da ist auch klar, dass es eine gesunde Balance zwischen virtuellem Tun und realem Erleben geben sollte.

Außerdem wächst durch das Online-Lernen und -Lesen bei vielen die Neugier, es auch mal „in echt“ auszuprobieren. Ich bekomme immer wieder Post von Leserinnen und Kursteilnehmern, die sich auf die Suche nach einer Praxis vor Ort gemacht haben, um dort Sitzungen zu nehmen, weitere Kurse zu besuchen oder an Strömgruppen teilzunehmen.

 

Strömen und virtuell passt einfach nicht zusammen

Es liegt zunächst nahe zu behaupten, dass das Strömen per se nun wirklich die konkrete Berührung braucht und nicht in einer virtuellen, nicht fassbaren Welt zuhause sein kann. Doch stimmt das in seiner Absolutheit (selbst wenn wir das Internet mal kurz außen vor lassen)?

Wie kommen ausgerechnet wir, die wir mit einer nicht sichtbaren, nicht fassbaren Energie arbeiten auf die Idee, dass diese Energie wirklich an den Fingerspitzen enden würde oder nur mit den Händen arbeitet?

Könnte es also sein, dass es eine Dimension jenseits der tatsächlichen Berührung gibt, die auch Jin Shin Jyutsu ist?

Und wenn das so wäre, warum sollte das Internet nicht ein Medium sein, das wir für diese Art von virtueller Berührung und Verbindung nutzen könnten?

Wie das funktionieren kann, möchte ich anhand folgenden Erlebnisses, das mich nachhaltig beeindruckt hat, illustrieren.

 

Wie aus Technikmist ein großes Geschenk wurde

Im vergangenen Jahr (2017) sollte wieder ein gemeinsames Online-Mudraströmen zum Internationalen Tag des Jin Shin Jyutsu stattfinden. Dafür veranstaltete ich ein sogenanntes Webinar. Dafür loggen sich alle TeilnehmerInnen zu einer verabredeten Zeit in einen virtuellen Raum – den Strömsalon – ein, um gemeinsam unter Anleitung zu strömen.

Erstmalig hatte ich auch Maria Miniello aus Australien als Moderatorin mit eingeladen. Ich würde sie per Kamera zuschalten und sie sollte die Mudra auf Englisch anleiten und sich um die Menschen aus Australien und Asien kümmern, die hoffentlich teilnehmen würden.

Wir waren bestens vorbereitet, hatten mehrere Probedurchläufe absolviert und freuten uns auf den großen Tag. Der Webinarraum füllte sich zur angegebenen Uhrzeit mit Menschen aus vielen verschiedenen Ländern. Alles lief bestens, Maria und ich begrüßten die Teilnehmerinnen über unsere Kameras und ich begann, ein Video abzuspielen, bevor es dann losgehen sollte.

Das Chaos beginnt

Leider ergab sich daraus unerwartet ein technisches Problem. Maria und ich waren mit einem Mal abgeschnitten und konnten nicht mehr mit unseren Teilnehmern in Kontakt treten. Diese saßen nun alle in freudiger Erwartung vor ihrem Bildschirm, konnten uns aber weder sehen noch hören. Es war klar, dass gerade irgendetwas schief lief, aber von den Teilnehmern wusste niemand, was los war und natürlich auch nicht, ob wir das noch hinkriegen würden.

Ich versuchte im Hintergrund fieberhaft, das Problem in den Griff zu kriegen. Alle meine Lösungsansätze erwiesen sich als völlig erfolglos und ich hatte keinerlei Idee mehr, was ich noch ausprobieren könnte. Maria und ich mailten hektisch zwischen Australien und Deutschland hin und her, was wir tun sollten.

Nachdem bereits eine Viertelstunde vergangen war, hatte ich innerlich schon aufgegeben. Die Teilnehmerinnen wären inzwischen sowieso alle weg und wir müssten dieses Experiment als gescheitert abhaken. Da ergab es sich durch einen absoluten Zufallsklick, dass Maria und ich mit einem Mal wieder online waren!

Und was war passiert?

Soweit ich es auf die Schnelle überblicken konnte, waren die allermeisten Teilnehmerinnen noch da. Wie ich später herausfand, war Folgendes passiert. Nachdem alle einige Zeit lang ratlos auf den grauen Bildschirm gestarrt hatten, hatten die Teilnehmerinnen begonnen, sich über die Chat-Box, die als einziges noch funktionierte, Nachrichten zu schreiben.

Sie beschlossen, dass ein paar technische Probleme sie nicht davon abhalten könnten, das zu tun, weswegen sie hier zusammengekommen waren. Alle wollten eine Stunde lang die Mudra halten und das würden sie jetzt einfach tun. Und so begann einfach jede für sich mit den Mudra. Einander völlig wildfremde Menschen verbanden sich miteinander und hielten einen gemeinsamen Raum über viele Tausende von Kilometern hinweg.

Der Abend war bis zu diesem Zeitpunkt für mich alles andere als entspannt verlaufen. Und so wenig ich die technischen Probleme erwartet hatte, so beglückender war es dann, das zu sehen! Wie unfassbar großartig war das! Die Teilnehmer freuten sich natürlich trotzdem, als Maria und ich wieder auftauchten. Aber sie waren auch bestens ohne uns zurecht gekommen.

Bewusstsein schlägt Technik

Der ganz große Erkenntnisgewinn und das Riesengeschenk, das es an diesem Abend zu feiern gab, war für mich dieses:

Wenn wir Jin Shin Jyutsu mit Bewusstsein anwenden, dann übernehmen wir selber die Verantwortung, egal, wie die Umstände sind. ES IST, WIE ES IST und WIE ES IST, IST ES. Lasst uns das Beste daraus machen.

Es ist egal, wie viele Kilometer uns voneinander trennen. Auch ist unwichtig, in welchem Land wir gerade sitzen und welche Sprache wir sprechen. Es macht nichts, dass wir uns nicht sehen und hören können und uns nicht einmal persönlich kennen. Sobald ein virtueller Rahmen geschaffen ist, indem wir uns verbinden können und wenn wir ein gemeinsames Ziel verfolgen, kann uns nichts mehr aufhalten.

Und viele können diese Verbundenheit sogar körperlich spüren. Denn das Erleben während des Strömens – genau so wie es in einer realen Gruppe ist, in der gemeinsam geströmt wird – wird auch auf virtuellem Weg häufig noch verstärkt.

 

Was ist mein (vorläufiges) Fazit?

Es liegt mir absolut fern, irgendjemandem mit Gewalt von den Möglichkeiten der Online-Welt überzeugen zu wollen. Ich möchte nur ein bisschen die Augen öffnen und auch dazu ermutigen, mal einen Schritt in diese Welt hinein zu denken und zu fühlen.

Je weiter ich selber in dieses Denken eintauche, desto grenzenloser werden für mich die Möglichkeiten, die wir bisher nur ansatzweise nutzen.

UND gleichzeitig ist das Allerschönste für mich, dass es im Kern des Jin Shin Jyutsu um die absolute Einfachheit, das schlichte SEIN und eine Harmonisierung jenseits jeglicher Technik geht!

Jin Shin Jyutsu wird immer menschlich bleiben. Man wird vielleicht irgendwie die elektromagnetische Strahlung der Hände technisch simulieren können. Doch die persönliche Empfindung, die Wahl des eigenen Wegs – die bewusste Anwendung durch den mitfühlenden Menschen – wird immer bleiben.

Jin Shin Jyutsu kann uns helfen, mit der technischen Entwicklung in einer gesunden Art und Weise umzugehen:

Ich hoffe inständig und bin davon überzeugt, dass die Berührung und der persönliche Kontakt niemals aus der Mode kommen werden. Denn sie werden immer essentiell bleiben:

Berührungen kommen noch vor dem Sehen, vor dem Sprechen. Sie sind die erste Sprache und auch die letzte, und sie sagen immer die Wahrheit.

Margaret Atwood

 

Mein Strömtipp:

Für dieses Thema scheint mir der Dreiklang aus 20-21-22 wie gemacht.

P.S. Wenn du nochmal nachschauen willst, wo welches Schloss sitzt: Eine kostenlos herunterladbare Übersicht über die „Sicherheits“-Energieschlösser findest du in der Werkzeugkiste.

Und falls du die Online-Angebote noch nicht kennst und jetzt neugierig geworden bist, wirf gerne einen Blick auf die Rubrik „Ström mit mir“.

 



 

    1 Response to "Kann Strömen ohne Berührung berühren?"

    • Marion

      Liebe Anke, liebe Strömfans,
      Strömen ohne Berührung kann (meiner Ansicht und Erfahrung nach) durchaus auch sehr berühren!

      Mit JSJ-Angeboten bin ich in meiner Umgebung wirklich gesegnet. So befindet sich fast um die Ecke von meinem Zuhause entfernt eine JSJ-Praxis mit tollen Angeboten. Hier kann ich nicht nur Termine zum Strömen wahrnehmen, sondern auch monatliche Strömgruppen und thematisch attraktive Studiengruppen besuchen und mich neben den Einzelbesuchen am Austausch mit Gleichgesinnten erfreuen. Das alles nutze und schätze ich sehr und bin also weit entfernt von einer JSJ-Diaspora.

      So war ich bei Erscheinen der ersten Online-Angebote zunächst auch überrascht und neugierig, ob Strömen ohne „richtige“ Berührung wohl funktionieren kann? Nach den ersten Erfahrungen verschiedener Angebote in den vergangenen etwa 1,5 Jahren würde ich inzwischen aus vollem Herzen sagen: Es ist anders als das persönliche Strömen mit anderen Menschen in einem Raum – und JA, ES KANN FUNKTIONIEREN UND AUCH BERÜHREN!

      Nur ein paar simple Beispiele:
      – Kursunterlagen und Videos, bei denen ich bestimmte Stellen immer wieder abrufen und ansehen kann, haben im Vergleich zu meinen eigenen Handnotizen aus Kursen durchaus ihre eigene Qualität.
      – Zweimal hätte ich aus gesundheitlichen Gründen einen „Realkurs“ kurzfristig abgesagt. Dank Internet konnte ich einen Online-Kurs in Jogginghose und mit Taschentüchern bewaffnet auf dem Sofa liegend aber trotzdem wahrnehmen.
      – Am meisten fasziniert mich jedoch, dass bei den live Webinaren tatsächlich ein Gruppengefühl aufkommt, egal wie weit die Strömenden sich grade über ganz Deutschland und Europa und inzwischen manchmal bis Neuseeland und Südamerika verteilen. Das ist sehr bemerkenswert, wie durch unser gemeinsames Sich-Ausrichten und Tun, dieser „Geist“ wirklich spürbar wird. Auch DAS berührt, auch wenn die mich beim Strömen berührende Hand meine eigene ist.

      Mein Fazit nach diesen ersten Erfahrungen:
      Toll, dass ich statt eines „Entweder – Oder“ auch ein „Sowohl – Als Auch“ wählen kann!

      Für mich sind die Online-Angebote inzwischen eine logische Erweiterung der bisherigen Möglichkeiten und kein Ersatz des Bisherigen. In diesem Sinne wünsche ich allen Skeptikern etwas Neugier und Experimentierfreude, das Strömen auch online einfach mal zu probieren. Im schlechtesten Fall ist man um eine Erfahrung reicher.

      LG von Marion

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*