Strömen in der Pflege

Dieses Interview findet im Rahmen des Jahrestagekalenders 2024 anlässlich des Internationalen Tags der Pflegenden am 12.5. - dem Geburtstag von Florence Nightingale - statt.

Barbara Gastager

„Strömend pflegen, pflegend strömen“ – so lautet das Motto der Diplomkrankenschwester und Jin Shin Jyutsu-Praktikerin Barbara Gastager aus der Steiermark. In diesem Interview gibt sie Einblick in ihre langjährigen Erfahrungen: Wie sie das Strömen in ihre Arbeit im Pflegeheim einfließen lässt und auch selbst vom Strömen für ihre Arbeit profitiert.

Liebe Barbara, dir ist es seit vielen Jahren ein Herzensanliegen, dass Jin Shin Jyutsu einen festen Platz in der professionellen Pflege erhält. Im Bezirkspflegeheim in Weiz, in dem du schon sehr lange arbeitest, ist dieser Wunsch von dir bereits wahr geworden.

Wann kann man Jin Shin Jyutsu in die Pflege einfließen lassen?

Einleitend möchte ich sagen, dass wir in der Pflege nach wie vor vorrangig ärztlich vorgesehene Therapien und Maßnahmen durchführen und die entsprechend verordneten Medikamente geben. Dies ist und bleibt die Grundlage unserer Arbeit.

Begleitend dazu strömen wir, und – das ist das Tolle – es gibt kaum eine Situation im Alltag eines Pflegeheims, in der sich das Strömen nicht einsetzen ließe.

Da sind zum einen Unterstützungsmöglichkeiten bei den sogenannten „Aktivitäten des täglichen Lebens“ wie Essen und Trinken, Mobilisation, Waschen und Kleiden. So können Pflegehandlungen oft viel leichter durchgeführt werden.

Doch auch bei den kleinen und größeren Herausforderungen, die sich für unsere Bewohner zusätzlich ergeben können, gibt es viel zu tun. Das beginnt bei der Hauseingewöhnung oder Heimweh, geht weiter mit Einschlafschwierigkeiten oder Unruhezuständen und betrifft auch Wadenkrämpfe, Atemnot, Fieber oder Schmerzen und andere körperliche Beschwerden.

Wir können außerdem Demenzerkrankte besser betreuen, wirken mit beruhigenden Griffen deeskalierend auf Konflikte ein und begleiten auch Sterbeprozesse mit dem Strömen.

Kannst du uns ein Beispiel nennen, wie du beim Essen und Trinken unterstützen kannst?

Viele ältere Menschen haben Kau- und Schluckprobleme, wenn sie essen oder trinken möchten. Da kann das begleitende Halten des Energieschlosses 1 an der Knieinnenseite beim Anreichen des Essens oft eine Hilfe sein.

Man kann dabei auch sehr einfach das Schloss 19 am Ellenbogen, das Schloss 18 am Daumenballen oder das Schloss 10 am Schulterblatt halten. All das lässt sich völlig problemlos in den Vorgang des Anreichens von Essen oder Trinken einbauen, ohne dass es Mehraufwand verursacht oder unnötig in die Intimsphäre der Person eindringt.

Neben dem erleichterten Schluckvorgang hat das Halten der Energieschlösser oft auch psychologische Nebeneffekte. Das Schloss 19 mit seiner Botschaft „Nichts hat Macht über mich“ lindert bei Menschen, die Unterstützung beim Essen brauchen, beispielsweise das Gefühl der Ohnmacht und des Ausgeliefertseins.

Aktivitäten des täglichen Lebens

Wie könnt ihr in Konfliktsituationen strömend deeskalieren?

Im Krisenfall setzen wir das Strömen sowohl für die Bewohner als auch für die Pflegenden ein. Kocht z.B. ein Konflikt mit einer Bewohnerin oder zwischen Bewohnern hoch, kann man als Pflegekraft beruhigend eingreifen: Mit einer Hand hält man bei der aufgewühlten Person das Schloss 18 am Daumenballen. Gleichzeitig hält man sich selbst das Schloss 13 oberhalb der Brust und trägt so auf zwei Ebenen zur Beruhigung der Situation bei.

Welche weiteren Vorteile siehst du im Einsatz von Jin Shin Jyutsu im Pflegealltag?

Es ist eine sehr niedrigschwellige und nicht-invasive Intervention, die, wenn man sie in die sowieso durchzuführenden Pflegehandlungen einfließen lässt, keine zusätzliche Zeit in Anspruch nimmt. Es gibt keinen Aufwand drumherum, wie Vorbereitung, Nachbereitung, Terminabsprachen oder die Bereitstellung von Geräten oder Medikamenten o.ä.

Und auf uns Pflegekräfte bezogen: Das Strömen hilft, die Qualität in der Pflege aufrechtzuerhalten. Der Pflegealltag ist häufig von Stress und vielfältigen Anforderungen geprägt - da gelingt nicht jeden Tag alles ideal. Wenn wir uns als Pflegekräfte regelmäßig selbst strömen, können wir immer wieder neu die Grundlage schaffen, eine Pflege auf Basis von Menschlichkeit zu leisten.

Wer führt das Strömen in der Pflege durch?

Ein Großteil des Strömens wird vom Pflegepersonal übernommen. Jin Shin Jyutsu ist dabei transparent in die Pflegeplanung integriert. Wir bieten auf Wunsch zudem individuelle Strömsitzungen für einzelne Bewohner an.

Außerdem versuchen wir gerne, die Angehörigen mit einzubinden, wenn sie das möchten. Und natürlich leiten wir auch die betreuten Menschen an, sich, soweit es ihnen möglich ist, mit einfachen Griffen selbst zu strömen.

Wie kann man den Bewohnerinnen und Bewohnern das Strömen von Selbsthilfe nahebringen?

Es bedarf da oft gar keiner großen Anleitung. Sehr viele Bewohner strömen sich ganz häufig nämlich schon intuitiv. Vor allem die Stirn (Schloss 20), die Wange (Schloss 21) und die Ellenbogen (Schloss 19) werden gerne gehalten.

Bei demenziell erkrankten Menschen ist es meist nicht sinnvoll, komplexe Strömvorschläge zu machen. Oft machen wir ihnen in einer Situation einen Strömgriff einfach vor und sie machen es nach.

Ansonsten eignet sich vor allem das Fingerströmen. Ich habe hierfür z.B. eine Box für die sogenannte „10-Minuten-Aktivierung“ erstellt. In der Box, die zu einer Beschäftigung für die Dauer von ca. 10 Minuten anregen soll, sind Karten enthalten. Diese zeigen und beschreiben die einzelnen Finger mit Farben und Abbildungen. Wir strömen anhand dieser Karten dann gemeinsam die Finger.

Wie reagieren die Bewohner, aber auch Angehörige auf Jin Shin Jyutsu? Wie schaffst du Transparenz für diese Art von Angebot?

Bisher ist es so, dass sowohl Bewohner als auch Angehörige durchweg gut auf das Angebot des Strömens reagiert haben.

Ich sorge zudem dafür, dass das Strömen im Haus optisch präsent ist. In jedem Stockwerk gibt es eine Jin Shin Jyutsu-Tafel, auf der Plakate und Informationen zum Strömen aushängen. Außerdem gibt es dort Fotos der Bewohnerinnen und Pflegekräfte des jeweiligen Stockwerks, die sie beim Strömen zeigen. Damit wird die Arbeit für alle, auch die Angehörigen, sehr transparent. Gleichzeitig ist es für die Bewohnerinnen und Pflegekräfte eine stete Erinnerung und Moment des Wiedererkennens, das Strömen anzuwenden.

Altenpflege-Infotafel

Aus deinen Schilderungen wird deutlich: Du bist in eurem Pflegeheim nicht die Einzige, die strömt. Wie ist es dazu gekommen, und wer macht alles mit?

Ich habe seit vielen Jahren das Glück, alle meine Kolleg:innen und Mitarbeiter:innen wie Küchenpersonal und Reinigungskräfte zu Jin Shin Jyutsu unterrichten zu dürfen. So gibt es inzwischen für alle standardisierte Anleitungen, wie das Strömen im Kontakt mit den Bewohnern eingesetzt werden kann.

Es ist ganz wesentlich: Wenn wir das Strömen für andere erlernen, sollten wir uns selbst dabei nicht vergessen! Daher geht es mir auch immer darum, wie man sich selbst strömen kann, um mit den physischen und emotionalen Herausforderungen unserer Arbeit umzugehen.

Mit etwas Fantasie finden sich sogar während der Arbeit immer wieder Momente, bei denen man begleitend die Hand auf eins der eigenen Energieschlösser legen kann und sich so einen kurzen Augenblick der Selbstfürsorge ermöglicht. Noch schöner ist es, sich selbst neben der Arbeit ab und zu auch längere Strömeinheiten zu gönnen.

Die Einrichtung, in der du arbeitest, unterstützt euch dabei sogar noch weitgehender.

Viele Kolleg:innen haben inzwischen 5-Tage-Kurse und Themenkurse besucht. Die Kurse werden von der Einrichtung als offizielle Fortbildung anerkannt und als Dienstzeit angerechnet. Jedes Jahr wird eine bestimmte Anzahl dieser Kurse auch von ihr finanziert.

Ebenso bezahlt die Einrichtung jeden Monat eine bestimmte Anzahl von Sitzungen, die von den Mitarbeitenden in Anspruch genommen werden dürfen. Neben der eigenen Gesunderhaltung helfen die Sitzungen ihnen zu erleben, wie es sich anfühlt, geströmt zu werden. Die eigene Wahrnehmung wird geschärft und das führt dazu, dass man sich als Pflegeperson wiederum auch einfühlsamer den Bewohnern gegenüber verhalten kann.

Liebe Barbara, ich danke dir ganz herzlich und wünsche dir für deine segensreiche Arbeit weiterhin Freude und viel Unterstützung! (Kontaktinformationen zu Barbara siehe unten)

Es sind schon viele mehr

Es gibt inzwischen viele weitere Ström-Engel in Pflegeheimen: Pfleger:innen und Therapeut:innen, die das Strömen in ihre tägliche Arbeit mit einbeziehen und Ehrenamtliche, die zum Strömen in Einrichtungen gehen und sich liebevoll um Einzelpersonen oder kleine Gruppen kümmern.

Als ein Beispiel hier 2 Fotos von Wera Meyer, die in einem Heim in Zürich ehrenamtlich aktiv ist:

Strömen in der Pflege
Jin Shin Jyutsu in der Pflege

Einer ihrer begeisterten Strömberichte, wenn sie wieder zum Strömen im Heim war, endete so: „Nach 45 Minuten lächeln alle, die dabei waren, und gehen mit rosigen Bäckchen zum Nachtessen.

Seminarangebot zum Strömen in der Pflege | Kontakt zu Barbara

Barbara Gastager gibt Workshops zu diesem Thema. Diese richten sich an pflegende Angehörige, Menschen, die Sterbende begleiten, Menschen in pflegenden Berufen sowie Jin Shin Jyutsu-Interessierte.

Bei Interesse an einem solchen Seminar wende dich bitte direkt an Barbara Gastager unter barbara.gastager@gmx.at

Barbara ist Jin Shin Jyutsu-Praktikerin, Selbsthilfelehrerin und darüber hinaus auch Kurs-Organisatorin der Steiermark. Mehr Infos dazu hier.

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    8 Kommentare für "Jin Shin Jyutsu in der Pflege"

    • Marianne

      Danke dir von Herzen für deine super Arbeit !!!

      Herzensgrüsse aus der Schweiz
      Marianne

      • Barbara

        Danke für deine schöne Rückmeldung
        mglg
        Barbara gastager

    • Anne Marie Regli

      Liebe Barbara
      Du hast mir grosse Freude bereitet mit deinem Beitrag!
      Vielen herzlichen Dank für die inspirierenden JSJ Griffe zu den BADL‘ s. Ich werde sie sehr gerne in meinem Bereich, der mobilen Pflege, ( in der Schweiz, SPITEX) einbringen und einfließen lassen.
      Wie schön, kannst Du dies in der PPL offiziell aufführen.

      • Barbara

        Liebe Anne Marie
        Danke für deine so pos Rückmeldung .
        Wir können gerne per Mail uns weiter austauschen …und auf deine spez.fragen weiter eingehen.
        mglg Barbara gastager

    • Kirstin

      So wunderbar <3 <3 <3…..

    • Barbara

      Danke
      mglg Barbara gastager

    • Barbara

      Danke für deine schöne Rückmeldung
      mglg
      Barbara gastager

    • Ellen

      Wunderbar, das dies möglich ist.

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